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Enge Zeitvorgaben meistern - Interview WorldSkills Teilnehmer

Interview mit Tizian Ulber, SwissSkills-Meister 2014 und WorldSkills-Teilnehmer 2015

"Fachlich und menschlich habe ich extrem profitiert "

Nein, man kann einfach nicht glauben, dass dieser junge Mann gerade seine Polymechaniker-Ausbildung beendet hat. Schon bei der freundlichen Begrüßung und beim ersten Gang durch die Produktion des Schweizer Medizingeräteherstellers Hamilton Bonaduz AG wirkt Tizian Ulber ungewöhnlich gelassen, ansprechend cool und dabei doch hochkonzentriert. Je mehr er von seinen Erlebnissen bei den Berufsmeisterschaften erzählt, desto mehr glauben wir, dass dies kein Zufall ist.

CNC4you: Tizian, wie kommt man als Auszubildender dazu, an den Berufsweltmeisterschaften teilzunehmen?

Tizian Ulber:

Ich habe mich bei Hamilton für die Ausbildung zum Polymechaniker beworben – dies umfasst CNC-Techniken, Drehen und Fräsen. Hamilton ist in der Schweiz für gute Ausbildung bekannt – und meldet Auszubildende regelmäßig zu den Berufsmeisterschaften SwissSkills. Das ist Firmenphilosophie. Ich fand die Idee toll – auch weil ich einfach ein Wettkampftyp bin.

CNC4you: Bei Schweizer Unternehmen haben die SwissSkills insgesamt einen hohen Stellenwert. Wie laufen diese Ausscheidungen?

Tizian Ulber:

Ja, der Wettbewerb ist in der Schweiz bei Unternehmen und Auszubildenden angesehen und beliebt. 2015 haben in den verschiedenen Berufen fast 7.000 Lehrlinge teilgenommen. Bei den CNC-Berufen für die spanende Fertigung waren es etwa 60 Auszubildende. Die erste Runde beginnt in den Betrieben. Alle Teilnehmer bekommen praktische Aufgaben, fertigen die Werkstücke und schicken diese zur Bewertung durch eine Jury aus CNC-Experten ein. Die 24 Besten werden zu einer theoretischen Prüfung eingeladen. Die acht Besten aus dieser Prüfung treten dann bei den SwissSkills-Meisterschaften an. Schon dieser Event war klasse. Die besten Auszubildenden vieler verschiedener Berufe – vom Friseur über Ausbildungsberuf am Bau bis hin zum Polymechaniker – an einem Ort zum Wettkampf. Da schaut die ganze Schweiz drauf. Ein ganz tolles Erlebnis.

CNC4you: …. bei dem Du dann ja Schweizer Meister 2014 geworden bist.

Tizian Ulber:

Ja, ein toller Erfolg. Meine Ausbilder und ich haben uns riesig gefreut. Und: Die mehr als 40 SwissSkills-Meister aus den verschiedenen Wettbewerben sind für die WordSkills qualifiziert. Wir alle bildeten praktisch das Schweizer Nationalteam für die WorldSkills 2015 in Sao Paulo. Brasilien – das fanden wir natürlich toll. Was mir damals noch nicht so ganz klar war: Damit ging es erst richtig los.

CNC4you: Wie meinst Du das?

Tizian Ulber:

Das Schweizer Nationalteam wird nochmals ganz anders unterstützt. So gab es für das ganze Nationalteam insgesamt fünf Vorbereitungswochenenden. Wir wurden über die Wettkämpfe und die Situation vor Ort informiert. Es gab Schulungen für den Umgang mit den Medien. Und wir haben Mentaltrainings erhalten, damit wir uns auch unter extremer Stressbelastung zu konzentrieren und lösungsorientiert zu arbeiten lernen. Das war so super, dass ich sogar noch selbst zusätzliche Trainings besucht habe.

CNC4you: Und wie sah die Unterstützung im Betrieb aus?

Tizian Ulber:

Hier findet ja die fachliche Vorbereitung statt – und die ist bei Hamilton vorbildlich. Bei uns stehen seit vielen Jahren vom CEO über den Fertigungsleiter bis zur Lehrwerkstatt alle hinter diesen Wettbewerben. Nachdem herauskam, auf welcher Maschine mit welcher Steuerung die Wettbewerbe in Brasilien laufen, hat Hamilton diese Maschine gekauft, damit ich trainieren kann. Eine Romi D800 mit SINUMERIK 828D. Dazu muss man wissen: Bis dahin hat Hamilton nicht mit SINUMERIK gearbeitet. Ich bekam aber schon vor der Installation der Maschine über die Unterstützung von Siemens SinuTrain-Lizenzen zum Üben und Herr Küng von Siemens Schweiz hat mich über die ganze Zeit und bei allen Fragen enorm unterstützt. Auch für MasterCAM und bei Werkzeugherstellern gab es Kurse und Ansprechpartner. In Brasilien hatte ich meine eigene Kiste mit Werkzeugen dabei.

CNC4you: … und in Brasilien?

Tizian Ulber:

Das muss man sich wie eine Olympiade vorstellen. Es gab eine Eröffnungsfeier mit dem Einlauf aller Nationalteams mit über 10.000 Zuschauern. Ein absolut cooles Erlebnis. Das Schweizer Nationalteam mit Offiziellen war in einem Hotel untergebracht und auch die Kontakte zu anderen Teams schaffen eine phantastische Atmosphäre. Gut war in Sao Paulo auch, dass alle Wettbewerbe zentral auf einem Gelände stattfanden – dadurch war auch das Erlebnis sehr konzentriert.

CNC4you: Gab es zwischen den Ländern Unterschiede?

Tizian Ulber:

Ja, enorm große sogar. Die Schweiz ist neben den Japan und den asiatischen Schwellenländern schon eines der Schwergewichte bei den WorldSkills. Viele Länder haben deutlich weniger Vertreter. Dazu kommt, dass die Länder völlig unterschiedlichen Einstellungen zum Wettbewerbe haben. Für etliche Teilnehmer ist es einfach ein tolles Event, dabei sein ist hier alles. Für viele asiatische Teams ist es gerade in den technischen Berufen eine nationale Aufgabe möglichst viele Weltmeister zu stellen. Deren Teilnehmer stehen schon unter enormen Leistungsdruck. Auch wir wollten natürlich gut sein, aber das kann man nicht vergleichen.

CNC4you: Und wie sah dann der Wettbewerb aus? Du hast ja dann einen sehr guten 7. Platz belegt. Welche Aufgaben musstest Du bewältigen?

Tizian Ulber:

Die WorldSkills legen großen Wert auf Praxisnähe. Wie in der normalen Arbeit bekommen die Teilnehmer eine 2D-Zeichnung, müssen diese in ein Programm umsetzen und das Werkstück fertigen – mit ganzen engen Zeitvorgaben. Aber dort passiert das Ganze in einer Konkurrenzsituation. Da laufen mehr als 20 Maschinen parallel und an jeder versucht ein Teilnehmer, in sechs bis sieben Stunden das Werkstück fehlerfrei zu produzieren. Nicht einfach, sich da zu konzentrieren. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer scheitert schon an den Zeitvorgaben. Und das Werkstück selbst ist extrem komplex, gespickt mit Schwierigkeiten – weit schwerer als alles, was man in einer normalen Fertigung findet.

CNC4you: Wenn Du jetzt zurückblickst, was hast Du aus diesen Wettbewerben mitgenommen?

Tizian Ulber:

Fachlich und menschlich habe ich persönlich extrem profitiert. Meine Ausbildung hier war schon sehr gut. Aber über den Wettbewerb genießt man zusätzliche Trainings und kommt in direkten Kontakt mit vielen Experten aus dem CNC-Umfeld. In der Ausbildung arbeitest du in einer relativ geschützten Atmosphäre, die Berufsmeisterschaften sind dagegen ganz bewusst ein Wettkampf. Wahrscheinlich ist dieser Wettbewerb so gut wie 10 Jahre Berufserfahrung. Was ich gelernt habe, strahlt auch auf das ganze Team hier ab – das merkt man und das ist ein tolles Gefühl. Und wie cool es ist, mit vielen jungen Leuten als Nationalteam nach Brasilien zu fahren – das muss ich hier ja nicht erklären. Ich kann das nur empfehlen.

CNC4you: Was muss man mitbringen? Muss man ein bestimmter Typ sein, um an den Wettbewerben teilnehmen zu können?

Tizian Ulber:

Es kommt darauf an, was man dort erreichen will. Ich bin ein Wettkampftyp, habe mich auch in der Freizeit vorbereitet und einige Zeit investiert. Nur mit einem hohen persönlichen Engagement, einer guten Unterstützung des Lehrbetriebs und der nationalen Organisation hat man bei dieser starken Konkurrenz eine Chance auf die vorderen Plätze. Ich denke aber, dass jeder profitiert, der überhaupt teilnimmt – auch an den nationalen Wettbewerben. Es ist eine Super-Erfahrung, an der man persönlich und fachlich wächst. Ob Vorausscheid, SwissSkills oder WorldSkills – die Erfahrungen und Bilder brennen sich ein, das nimmt Dir keiner mehr. Ich freue mich für die Auszubildenden hier bei Hamilton, die in diesem Jahr teilnehmen.